Schriftstellerin – einsame Wölfin oder gut vernetzt?

Schriftstellerin – einsame Wölfin oder gut vernetzt?

Beitragvon Billibaloo » Do 10. Dez 2015, 14:55

In früheren Zeiten galt ein Autor oftmals als ein Mann, der sich stundenlang in sein Arbeitszimmer zurückzog und für niemanden ansprechbar war. Ich wähle hier bewusst die männliche Form, denn es ist noch gar nicht so lange her, dass schreibende Frauen ein Skandal waren. Und ein eigenes Zimmer, womöglich sogar nur zum Schreiben, hatten sie schon gar nicht.

Diese Zeiten sind zum Glück vorbei. Schreiben ist derzeit en vogue und es gibt immer mehr Stimmen, die verlangen, dass schreibende Frauen den Männern ebenbürtig zu sein haben. Dennoch – es wird noch lange dauern, bis wir den Gleichstand erreicht haben. Unter anderem deshalb gibt es die Autorinnenvereinigung (AV).

Eines unserer Ziele ist die Stärkung der Regionalgruppen. Als funktionierendes Beispiel dienen die BücherFrauen oder auch die Mörderischen Schwestern. Dort finden regelmäßig Treffen in den verschiedenen Regionen statt, während bei der AV derzeit alles weitestgehend vom Bundesvorstand gesteuert wird. Glorreiche Ausnahme ist Elisabeth Roters-Ullrich in NRW mit den Poetischen Experimenten. Hier und da gibt es auch ein paar Frauen, die sich mehr oder weniger regelmäßig treffen, doch richtige Regionalgruppen gibt es kaum noch. Dabei könnten alle von solchen Zusammenkünften profitieren!

Eine nahe liegende Möglichkeit sind natürlich Schreibgruppen. Wer mich kennt, weiß, dass ich ein Fan davon bin. Vor vielen Jahren wurde ich deshalb auf der Plattform autorenforum.de zur Expertin für Schreibgruppen ausgerufen.

Alles begann vor vielen, vielen Jahren mit der Autorinnengruppe München. Ich hatte meine erste Kurzgeschichte veröffentlicht, was erstaunlich leicht war, und beschlossen: Jetzt werde ich Schriftstellerin. Instinktiv wusste ich wohl, dass es ein steiniger Weg sein würde, denn ich suchte Gleichgesinnte. Nach einem ersten – gemischten – Treffen war mir schnell klar, dass ich eine reine Frauengruppe ins Leben rufen würde – ich wollte ja über’s Schreiben reden und nicht Flügel- und Machtkämpfe zwischen Männern und Frauen ausfechten.

Die Autorinnengruppe München – kurz AGM – war ziemlich erfolgreich. Wir trafen uns in der Regel alle zwei Monate, machten zum Aufwärmen Schreibspiele, redeten über unsere aktuellen Projekte und natürlich auch über unsere Texte. Das größte Problem – das auch heute noch in München besteht – war die Suche nach einem ruhigen, kostenlosen oder wenigstens bezahlbaren Raum. Mal trafen wir uns in einem Kindergarten, mal in einem Seniorenheim, mal im Betzimmer (!) eines Pfarrheims.

Ein paar Jahre nach der Gründung erschien unsere erste selbst gemachte Anthologie „Weihnachten – anders“– heute würde man uns als Self Publisher bezeichnen. Die Auflage war nicht sehr groß, wir mussten ja alles selbst finanzieren, und sie war innerhalb weniger Wochen vergriffen. Dadurch ermutigt planten wir den Nachfolger „Road Roulette“. Das Buch wurde ein Flop, weil wir eine wichtige Regel nicht beachtet haben: Alle Texte müssen qualitativ gut sein.
Aus heutiger Sicht denke ich, dass wir einfach zu harmoniesüchtig waren und die direkte Auseinandersetzung scheuten (das wird uns Frauen ja allzu gerne nachgesagt). Zwei Texte waren so schlecht, dass wir sie hätten ausklammern müssen. Aber keine von uns hatte den Mut, es den beiden Autorinnen zu sagen. Heute hätte ich selbst kein Problem mehr damit, aber damals war ich auch nur blutige Anfängerin – obwohl ich seit meinem fünfzehnten Lebensjahr schrieb.
Schon Ende der Achtziger war ich Mitglied in einer internationalen Autorinnenvereinigung in den USA und sollte den deutschen Ableger aufbauen. Die Amerikanerinnen legten allerdings keinen Wert auf Professionalität, sondern akzeptierten auch die berühmte „schreibende Hausfrau“. Am Ende scheiterte das Projekt Deutschland an den unterschiedlichen Auffassungen, geblieben sind mir aber die Kontakte zu einigen Frauen, mit denen ich Mitte der Neunziger – mit Erstarkung des Internets – die International Online Writing Group (IOWG) gründete.

Auch hier gab es zunächst vor allem Geplänkel über Projekte und Texte, bis wir 2001 – im Nachhall von nine eleven – die Idee hatten, ein gemeinsames Projekt auf die Beine zu stellen. Herausgekommen ist nach knapp zweijähriger Arbeit der Ring-Roman „Lost and Found in Camden“. Hier ist jede Geschichte durch eine Figur mit dem vorhergehenden Text verknüpft, am Ende schließt sich der Kreis.

Natürlich wollten wir unser Projekt als Buch sehen. Doch wie stellt man das an, wenn die elf beteiligten Autorinnen auf drei Kontinente und sieben Länder verteilt sind? Es dauerte tatsächlich bis 2014, bis wir dank amazon die Chance bekamen, das Buch zu realisieren.

Mit den Jahren wurde ich professioneller und erfolgreicher, nur meine Schreibgruppen gab’s nicht mehr, zumindest nicht mehr in dieser Form. Ich entdeckte die Workshops der Textmanufaktur von André Hille – und dort nicht nur professionelles Feedback zu meinen Texten, sondern auch neue Mitstreiter für eine Schreibgruppe. Aus fünf wurden vorübergehend sechs und dann drei; derzeit treffe ich mich regelmäßig mit zwei AutorInnen, um unsere Texte zu besprechen.
Das Faszinierendste daran ist, dass es funktioniert, obwohl wir alle grundverschieden sind, nicht nur, was das Schreiben angeht: Während ich vor allem die Genre-Literatur bediene (und auch lese), schreiben die beiden anderen das, was man allgemein als Belletristik bezeichnet. Eine(r) von beiden schreibt Texte, die normalerweise nicht zu meiner Lektüre gehören würden. Hier aber bin ich quasi gezwungen, mich darauf einzulassen. Es ist manchmal schwierig, bei so einem Text die Schwächen zu finden, aber genau das bringt den größten Gewinn. Ich muss mich mit dem fremden Text auseinandersetzen, muss begründen, warum ich etwas so und nicht anders empfinde, diskutiere mit den anderen darüber – und lerne dabei für mein eigenes Schreiben.

Vorher, in der etwas größeren Gruppe, gab es ständig Probleme. Ich will hier nicht ausführen, welche. Mir ist dadurch auf jeden Fall klar geworden, was für eine funktionierende Schreibgruppe wichtig ist: Gegenseitiges Vertrauen und Offenheit. Nur, wenn ich den anderen trauen kann, dass sie mich und meinen Text ernst nehmen, dass sie meinen Text nicht für eigene Zwecke missbrauchen, nur dann kann ich ihnen meinen Text anvertrauen.

Offenheit bedeutet auch, mich auf die Kritik des anderen einlassen. Natürlich tut Kritik weh, das geht nicht nur Anfängern so. Häufig ist es doch so, dass genau der Abschnitt kritisiert wird, an dem ich selbst am meisten hänge, den ich geradezu genial finde. Aber dass er kritisiert wird, heißt ja nicht unbedingt, dass ich ihn streichen muss. Ich höre mir an, was die anderen zu sagen habe und lasse das erst einmal sacken. Manchmal stelle ich fest, dass sie recht hatten – dann ändere ich die entsprechende Passage ab. Manchmal aber finde ich, dass ich recht habe – und lasse den Text so, wie er ist. Mein Name steht über dem Text, nicht der der Kritiker.

Umgekehrt hilft es keinem Autor zu hören, wie toll doch ein Text sei, wenn er es nicht ist. Wichtig ist konstruktive Kritik: Dein Text funktioniert nicht, weil … Natürlich ist fundierte Kritik nur möglich, wenn man das eigene Handwerk beherrscht und sich mit dem Text des anderen befasst hat.

Die Autorinnenvereinigung fördert Autorinnen, sie fordert sie aber auch. Wir wollen, dass Autorinnen professioneller, selbstbewusster, mutiger werden. Klar geht das auch allein, im stillen Kämmerlein. Nicht unbedingt einfacher ist es, sich der Kritik der anderen zu stellen – es gehört schon eine gehörige Portion Mut dazu, den eigenen Text ein Stück weit loszulassen.

Dennoch – oder gerade deswegen – ist es wichtig, dass wir uns vernetzen, uns zusammensetzen, miteinander reden, über uns, aber auch über unsere Texte. Nur so können wir voneinander und vom Netzwerk, von der Autorinnenvereinigung profitieren.
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