Frauen, seid stur!

Frauen, seid stur!

Beitragvon Billibaloo » Do 6. Aug 2015, 12:59

Wie es die Überschrift schon sagt: Hier wird der Vorstand in hoffentlich regelmäßigen Abständen Meinungen vertreten, Anregungen geben, Standpunkte vertreten. Die Artikel geben immer nur die Meinung der jeweiligen Autorin wider, nicht unbedingt die des gesamten Vorstandes. Aber natürlich sollen alle Veröffentlichungen im Sinne der Autorinnenvereinigung sein: Förderung von Autorinnen.

Zum Auftakt möchte ich zwei Bücher vorstellen, die auf den ersten Blick nichts miteinander zu tun haben:
Sheryl Sandberg, Lean in, sowie Carla Berling, Vom Kämpfen und vom Schreiben
Auf den zweiten Blick behandeln beide Bücher jedoch dasselbe Thema: Wenn du etwas erreichen willst, musst du dafür kämpfen.

Ich habe Lean In in Vorbereitung auf meine Zeit als 1. Vorsitzende der Autorinnen-vereinigung gelesen. Da ich absolut kein Facebook-Fan bin, habe ich das Buch sehr lange ignoriert. Sheryl Sandberg ist Chief Operations Officer (COO) von Facebook (in Deutschland entspricht das einer Verwaltungschefin) und nach Gründer Marc Zuckerberg die ranghöchste Angestellte. Sie hat also sehr viel Einfluss und Macht und selbstverständlich verdient sie Millionen.

Ich dachte mir, was kann mir eine Facebook-Managerin schon sagen? Doch auf der Suche nach Büchern über Frauen in Führungspositionen stolperte ich immer wieder über den Titel und hab mir schließlich das (englischsprachige) eBook gekauft. Ich habe es nicht bereut. Zugegeben, vieles, was Sheryl Sandberg beschreibt, betrifft mich nicht. Ich habe neben dem Schreiben einen Brotjob, verhandle aber nicht um Millionen-Gehälter, muss mich nicht mit Geschäftsterminen herumschlagen, habe auch keine kleinen Kinder, die versorgt werden wollen.

Dennoch – im Endeffekt geht es Sandberg darum, Frauen zu ermutigen, sich für ihr Anliegen einzusetzen. Du willst jeden Abend mit deinen Kindern zu Abend essen? Dann setz deine Meetings so an, dass du rechtzeitig zu Hause bist. Du bist der Boss, du kannst das bestimmen. Und selbst, wenn du nicht der Boss bist, sag was. Nicht jeder Wunsch wird vermutlich in die Tat umgesetzt werden, aber wenn du nichts sagst, kann auch nichts verändert werden.

Sandberg hat dafür ein sehr banales Beispiel: Eine junge, hochschwangere Kollegin kommt vollkommen außer Atem zu spät zu einem Meeting und erwähnt später nebenbei: Wenn es Parkplätze für Schwangere gäbe, die näher am Gebäude wären, hätte sie es einfacher, denn dann wäre der Weg nicht so weit. Hochschwangere sind nun mal langsamer als Nichtschwangere.

Sandberg kommt ins Grübeln, und ein paar Wochen später gibt es spezielle Parkplätze für Schwangere direkt neben dem Eingang. Mit wenig Aufwand wurde ein Problem gelöst.

Natürlich klappt das nicht immer so einfach. Nicht alle MitarbeiterInnen sind damit einverstanden, dass es nach 17 Uhr keine Meetings mehr gibt, weil die Chefin nach Hause muss. Was, wenn sie noch Fragen haben? Was, wenn es noch etwas zu klären oder entscheiden gibt?
Aber Sheryl Sandberg hört ja nicht auf zu arbeiten, nur weil sie mit ihren Kindern zu Abend essen will. Sobald die Kleinen im Bett sind, setzt sie sich an den Laptop und arbeitet ihre Mails ab, oftmals bis tief in die Nacht. Ob das erstrebenswert ist, sei dahingestellt. Aber sie hat sich Gedanken darüber gemacht, wie sie ihr Leben gestalten will, und eine Entscheidung getroffen.

Dabei war sie bis vor kurzem in der glücklichen Lage, einen Ehemann zu haben, der selbstständig war und weitestgehend von zu Hause aus arbeiten konnte. Er konnte sich also um die Kinder kümmern. Er war vor allem bereit, selbst zurückzustecken, damit seine Frau ihren Traumjob annehmen kann. Vor kurzem deshalb, weil Dave Goldberg vor einigen Wochen ganz plötzlich und vollkommen unerwartet beim Sporttraining zusammenbrach und starb.

Das Buch ist vor allem für Frauen in Führungspostionen geschrieben, die Beruf und Familie miteinander vereinbaren möchten. Dennoch ist es kein Karriereberater, sondern eher ein Anreiz zum Überdenken der eigenen Position: Was kann ich tun, um meine Wünsche umzusetzen?

Sandberg geizt nicht mit praktischen Beispielen, die natürlich aus ihrem eige-nen Umfeld stammen. Überzeugt hat mich vor allem, dass sie ihre Lösungen nicht für allgemeingültig erklärt. Sie führt sie an um zu zeigen, was möglich ist, wenn man sich traut, für die eigenen Belange einzustehen.

Ob Carla Berling Sandbergs Buch gelesen hat, weiß ich nicht. Zumindest hätte sie so einen Ratgeber zu Beginn ihrer Karriere gut gebrauchen können, denn viel zu lange hat sie sich von anderen ausnutzen lassen.

Carla Berling beschließt 1994, Schriftstellerin zu werden. Sie ist jung verheiratet und hat zwei kleine Kinder. Ihr Mann unterstützt sie, wo er kann; besonders, als er selbst arbeitslos wird, kümmert er sich um die Kinder und den Haushalt und auch teilweise um das Marketing für seine Frau.

Berling geht ziemlich blauäugig an die Sache heran. Sie schreibt einfach mal drauf los und hat nach einigen Wochen tatsächlich einen fertigen Roman vor sich liegen. Dass die Protagonisten zu Beginn blonde Haare, später dann schwarze haben, lässt sich ja leicht ausmerzen. Aber beim Lesen erkennt sie, dass jeglicher roter Faden fehlt.

Es folgen Jahre voller Frust, erste Erfolge mit kleinen Verlagen, die nichts zahlen und kaum etwas verkaufen, Lesungen, die Begeisterungsstürme auslösen, aber kaum Geld bringen. Und wenn doch, wird es sofort mit der Sozialhilfe verrechnet.

Berling stellt sich immer wieder Fragen, die sich jede Autorin stellen sollte: Warum sollen Schriftstellerinnen quasi umsonst arbeiten? Warum erwarten Veranstalter, dass man kostenlos liest, ja sogar Reise- und Übernachtungskosten selbst übernimmt? Natürlich, Berling ist nicht wirklich bekannt, trotz diverser Fernsehauftritte. Aber ist das ein Grund, so missachtet zu werden?

Die immer erfolgreicheren Lesungen zeigen ihr, dass sie schreiben kann. Dennoch zweifelt sie immer wieder an sich selbst, denn die Verlage, an die sie gerät, sind klein und unprofessionell. Erst, als sie auf Self Publishing umsteigt und zwei Krimis über amazon veröffentlicht, läuft es: Königstöchter erreicht kurz nach Erscheinen die Top 10 der Kindlecharts und ist im Oktober 2014 einer der Kindle Unlimited All-Stars bei amazon.

Ich gebe zu, ich hätte längst aufgegeben. So viele Rückschläge, nicht nur, was das Schreiben angeht, sondern auch gesundheitliche, familiäre, vor allem aber finanzielle, hätte ich nicht ausgehalten. Berling aber kämpft. Sie ist verdammt stur und will sich als Schriftstellerin behaupten. Bewundernswert!

In Vom Kämpfen und vom Schreiben erzählt sie ganz offen, wie sie sich in den 20 Jahren von der naiven Möchtegern-Autorin zur professionellen Schriftstellerin entwickelt, die nicht nur lernt, Nein zu sagen, sondern dazu übergeht, sich selbst zu vermarkten – mit Erfolg.

Was Sheryl Sandberg rät, hat Carla Berling umgesetzt: Sie hat an sich und ihre Sache geglaubt und dafür gekämpft. Es muss vielleicht nicht immer gleich so radikal sein, aber eine gesunde Portion Selbstbewusstsein täte uns Frauen, vor allem uns Autorinnen und Schriftstellerinnen, sehr gut.
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Re: Frauen, seid stur!

Beitragvon Lyranima » Mi 18. Nov 2015, 13:58

So ein toller Beitrag! Ich weiß gar nicht,warum ich den nicht eher wahrgenommen habe, aber gerade hab ich auch mal wieder Zeit, mich mit den Autorinnen zu beschäftigen, weil wir - die mitteldeutschen Autorinnen - zu unseren traditionellen Klausur nach Höfgen gefahren sind. Auf dem Weg hierher habe ich eine unserer jungen Autorinnen im Auto mitgenommen, die mich fragte, ob ich jemals in Erwägung gezogen hätte, mich hauptberuflich mit dem Schreiben zu beschäftigen. Es gibt dafür ja ganz viele Gründe, aber das was Du beschreibst, gehört definitiv dazu. Und auch wenn ich für mich entschieden habe, DIESE Mühen der Ebene als hauptberufliche Autorin NICHT auf mich zu nehmen, verstehe ich mich dennoch als Autorin, deren Leben vom Schreiben geprägt ist. Und die leidet, wenn das Leben so überbordend über mich hereinbricht, dass das Schreiben auf der Strecke bleibt... Im Moment leide ich sehr... Aber gleichzeitig ist es eben auch die Mitarbeit in der Autorinnenvereinigung, die mich "am Ball bleiben" lässt, mich selbst und damit mein Schreiben nicht aus dem Blick zu verlieren... Ich finde, Dein Beitrag gehört in den Newsletter, liebe Ute, ich schicke den Link mal an Sylvia, okay? Oder hab ich ihn auch im Newsletter übersehen??? :cry:
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