Dossier: Traumberuf Autorin und die Realität

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Dossier: Traumberuf Autorin und die Realität

Beitragvon Stef Jerz » Mi 9. Jan 2013, 17:36

von Elisabeth Roters-Ullrich


Traumberuf Autorin und die Realität
Die Arbeitsbedingungen von Schriftstellerinnen

Dieses Thema stand im August 2010 bei den 1. Internationalen Gesprächen der
Autorinnenvereinigung im Literarischen Colloquium in Berlin im Mittelpunkt vieler Diskussionen.
In Folge bildete sich eine Arbeitsgruppe mit Schriftstellerinnen aus Deutschland, der Schweiz und Österreich, um Strukturen für eine soziale Studie zu entwickeln. Im Frühjahr 2011 wurde eine Umfrage unter Mitgliedsfrauen der Autorinnenvereinigung durchgeführt; 80 Autorinnen haben sich beteiligt.
Simone Philipp, Autorin und Projektmanagerin aus Graz, wertete die Erhebung aus.

Was ist die Autorinnenvereinigung?
Engagierte Autorinnen setzten bereits 1992 mit der Förderung von Schriftstellerinnen einen Schwerpunkt. Auf die ersten Treffen von Schriftstellerinnen aus Ost und West ist die Autorinnenvereinigung stolz. So kurz nach der Wende untersuchten sie gemeinsam unterschiedliche Wurzeln, erkannten die Sprachunterschiede, die wortlos machen konnten.
Diese Gespräche waren voller Hoffnung. In diesen Jahren wurden grundlegende Verbesserungen für die Anerkennung der literarischen Leistungen der Autorinnen bundesweit erreicht. Die literarische Entwicklung vieler Schriftstellerinnen hat davon profitiert. Die Foren in Berlin und Rheinsberg boten qualifizierte Weiterbildung mit mehrtägigen Werkstätten, mit beruflicher Beratung und Mentoring an.
Seit 2005 besteht die Autorinnenvereinigung e.V. als eingetragener und gemeinnütziger Verein. In ihr organisieren sich Schriftstellerinnen aller Genres, die in deutscher Sprache schreiben und publizieren.
Die Autorinnenvereinigung ist ein aktives Netzwerk. Sie veranstaltet regionale Autorinnentreffen, Diskussionen, Lesungen. In Bayern erleben Besucher das »Labyrinth Literatur«, in Nordrhein-Westfalen »Poesie und Radikalität weiblichen Schreibens«. In Freiburg trifft sich das Dreiländereck und in Leipzig, Dresden, Düsseldorf, Dortmund und Berlin finden Arbeitstreffen statt.
Die Autorinnenvereinigung erhielt öffentliche Anerkennung mit den bundesweiten Lesefesten, den »Internationalen Gesprächen« im »Literarischen Colloquium Berlin«. Sie organisiert Projekte mit Institutionen, die sich für Interessen von Schriftstellerinnen einsetzen. Die Autorinnenvereinigung vergibt Projektstipendien. Sie initiiert die Vergabe des deutschen Schriftstellerinnenpreises. Mit Tanja Dückers gesprochen »Was bleibt ist die Zukunft«.

Weiterbildung
»Schreiben ist ein Traum“. Eine Selbstauskunft von Liane Dirks:
„Es ist der Traum davon, dass es möglich sei, Welt und Wort in Einklang zu bringen. Träumen ist immer auch Ahnen. Dieses Wort verbindet Zukunft und Vergangenheit.«

Bevor Liane Dirks Schriftstellerin wurde, hatte sie einen Beruf – finanziell und für die Zukunft abgesichert. Sie war Berufsberaterin. Eine junge Frau kam zu ihr, sie war aus Israel, sie war ausgewandert, weil sie nicht zum Militär wollte. Was wollen sie werden? Künstlerin. Welche Richtung? Malerin. Die Frau erhielt von der Beraterin Anschriften von Kunstakademien. Sie war zufrieden. Die Beraterin wurde vom Abteilungsleiter gerügt. So nicht, sagte er, Künstlerin ist kein Beruf, dazu können wir nicht raten.
Liane Dirks schaffte es.
Sie wagte den Sprung ins kalte Wasser. Sie kündigte, hielt sich und ihre Töchter mit Aushilfsarbeiten und journalistischen Tätigkeiten über Wasser. Sie wollte Schriftstellerin sein, nicht Schriftstellerin spielen.
Sie schaffte es durch Beharrlichkeit und den Glauben an sich. Das hieß für sie: Überwindung der Angst, dass zerbricht, was Jahre gehalten hatte, der innere Schreibkern. Stipendien, Förderpreise, Auslandsaufenthalte sicherten ihr nicht nur das finanzielle Überleben, sondern gaben Kraft und Ermutigung.

Das Berufsbild der Autorin verändert sich rasant. Wer als Schriftstellerin in der Kreativwirtschaft Fuß fassen will, benötigt Fantasie. Sie sind gefordert, die Erfolgskünstlerinnen. Sie besitzen Managementfähigkeiten. Sie sind in Personalunion Schöpferin, Unternehmerin oder Reiseleiterin. Sie entwickeln Seminare, bieten Schreiburlaube an. Diese Berufsqualifikation besitzen viele Schriftstellerinnen in unserem Land.
Autorinnen versuchen, als Referentinnen Einkommen zu erzielen. Es ist ein wesentliches Standbein zur Existenzsicherung. Fast alle haben ein abgeschlossenes Hochschulstudium. Sie sind freiberuflich tätig, investieren in die persönliche Weiterbildung und entwickeln Coachings.

Autorinnen drücken sich in vielen Formen aus, sie erproben Teamarbeit, sie suchen ihr Publikum. Die literarische Kunstform, die Poesie, und das Kommunikationsmedium, das Internet, gehen zusammen.
Die Netzliteratur stellt die traditionellen Rollen von Autor, Werk und Leser zur Disposition. Wenn der Leser zum Mitproduzenten, zum Autor wird, wenn kollektive Produktionen entstehen, wenn Autoren zu Schreibern, Moderatoren, Initiatoren werden, versagen klassische Begriffe. Dies zeigt die aktuelle Urheberrechtsdebatte. Weist das einen Weg zu kreativen Formen, brisanten Themen? Wo Experimentieren stattfinden kann?

Was braucht eine Schriftstellerin im Medienzeitalter? fragt Liane Dirks.
» Sie braucht Mut, Begabung, Technik. Dort, wo der Funke überspringt, entsteht Kunst. Wer nur die Technik entwickelt, das sogenannte Handwerk, vermittelt damit nicht die Entstehung von Literatur, wer nur die Begabung betont, leugnet die Notwendigkeit der Auseinandersetzung mit der Form. Wer keinen Mut hat, kann nicht schreiben.«
Das gibt Sicherheit, gekoppelt mit dem verbesserten Handwerk und Kreativität. Ob das Talent zur Meisterschaft reicht, ist damit nicht gesagt.

Schreiben kann man lernen, wenn man es kann – Es bedarf des Talents um Technik zu entwickeln, es bedarf der Technik, um Talent zu entwickeln, referierte auch Bob Cryghton 1998 auf einer Anhörung im Düsseldorfer Landtag.
Es geht darum, in Werkstattgesprächen und im persönlichen Austausch Literatur zu erleben, die Besonderheit der Sprache zu erkennen. Die Teilnehmerinnen lernen, Techniken so einzusetzen, dass damit die eigenen Talente ihren bestmöglichen Ausdruck finden. Dazu gehören Neugierde und Wagemut.

Das Weiterbildungsangebot für Schriftstellerinnen wird größer, in Leipzig und Hildesheim lässt sich »Creative Writing« erlernen, ebenso bei Institutionen, Vereinen oder Privatpersonen.
Das Literaturbüro in NRW in Düsseldorf, das westfälische Literaturbüro in Unna, das Detmolder Büro in Ostwestfalen und das Literaturbüro Ruhr bieten seit fast 25 Jahren jährlich Weiterbildungen für Autorinnen und Autoren an. Sie arbeiten sowohl landesweit als auch regional. Im Unterschied zu kommerziellen Anbietern erhalten sie öffentliche Förderung. Die Kosten für die Teilnehmer bleiben relativ gering. Sie engagieren qualifizierte Referentinnen und Referenten. Wünsche und Themenvorschläge werden unbürokratisch aufgegriffen.
Die Weiterbildung ist Teil des Profils der Literaturbüros. Die Seminare decken einen stetig wachsenden Bedarf ab, sie bieten ein Baukastensystem und Meisterklassen auf Zeit an. Wer sich zu einer Weiterbildung anmeldet, Zeit und Geld investiert, der wird über einen längeren Zeitraum an sich arbeiten. Im Unterschied zu online-Diensten schaffen Wochenendseminare den persönlichen Kontakt zu den anderen Teilnehmern und zu den Referenten.
Die Programmentwicklung ist nicht statisch. Sie muss auf rasch ändernde ästhetische Entwicklungen, Literaturformen, beschleunigende Produktionsverfahren und sich wandelnde Rezeption in der Mediengesellschaft reagieren: Informationsseminare zum Markt, zu den Literaturagenturen oder zur Selbstvermarktung. Auch spezifische Angebote für den Nachwuchs, die Ferienakademien für Kinder, Jugendliche und junge Erwachsene sind seit Jahren ausgebucht. Veranstaltungsformen entwickeln sich, die Werkstattarbeit und öffentliche Präsentation verbinden. Beispiele sind »Poesie und Prosa«, »Poetische Experimente« »Sprachfeuer« oder »Stimmengewirr«.

Mentoring
Wie die Autorinnenvereinigung sind die »Mörderischen Schwestern« ein reines Frauennetzwerk und in dieses Netzwerk können alle Frauen kommen, die das Motto »Wir lieben Krimis!« unterstützen wollen. Zwei Drittel der ca. 360 Mitglieder sind Autorinnen, viele Übersetzerinnen, Buchhändlerinnen, Polizistinnen, Verlegerinnen arbeiten mit.
Die Mitglieder im Netzwerk bilden sich gegenseitig fort. In einem Onlineforum bieten erfahrene Autorinnen netzwerkinterne Workshops und ein erfolgreiches Mentoringprogramm an. Jeweils 10 Nachwuchsautorinnen werden 1 Jahr von einer erfahrenen Autorin begleitet.

Mit dem Konzept des Mentoring sollen diskriminierende Faktoren ausgeglichen werden, mit den Frauen täglich zu kämpfen haben. Frauen suchen einen besseren Zugang zu aktuellen Informationen, Tipps, Kontakten und Netzwerken. Es fehlen Rollenvorbilder und oftmals eine systematische Karriereplanung.
Die Erarbeitung eines Kunstprojektes ist die grundlegende Arbeit. Wovon sollen Künstlerinnen leben, wenn Ihr Schaffen nicht bezahlt wird? Das Frauenkulturbüro NRW fordert in einer Studie aus dem Jahr 2011, dass die offizielle Netzwerkstruktur institutionell angelegt und finanziert wird. Es schlägt flächendeckende Mentoringtandems für alle künstlerischen Sparten in NRW vor. Werden die Mentees für ihre Arbeit bezahlt, vermittelt dies die Wertschätzung ihres Landes für deren Nachwuchsförderung.

Literaturförderung und Kreativwirtschaft
Die erfolgreichen Netzwerke von Autorinnenvereinigung und mörderischen Schwestern wollen Selbstbewusstsein für ein freies künstlerisches Leben. Ihr Ziel ist die Präsenz von Autorinnen in der literarischen Welt. Netzwerke sind nötig. Sie müssen machtvoller und nicht nur ehrenamtlich betrieben werden. Es ist eine weitere Form der Selbstausbeutung.

Die soziale Lage der Schriftstellerinnen ist durch prekäre Arbeitsverhältnisse und unsichere Einkommensperspektiven geprägt. Um kontinuierlich arbeiten zu können, benötigen sie Förderungen und Rahmenbedingungen, die diese Situation verbessern. Autorinnen leben in Angst vor Altersarmut. Sie sind durch ihre Familientätigkeit erschöpft und fordern Schreibzeit.
Verlage können wenig Engagement zeigen, um die von ihnen verlegten Autorinnen zu fördern. Insgesamt entspringt die Vorstellung, Verlage seien weitgehend überflüssig, großer Unkenntnis von der schriftstellerischen Arbeit. »Für Schriftstellerinnen sind Lektoren enge Vertraute« betont Tanja Dückers. »Sollten Verlage zunehmend an Bedeutung verlieren, verlieren hauptsächlich Frauen ihre Arbeitsplätze“.
80% der in der Buchbranche Tätigen sind Frauen, wie die Studie der Bücherfrauen aufzeigt.

Schriftstellerinnen kümmern sich um Lesungen, die Aufführung oder Sendung ihrer Stücke. Schriftstellerinnen, die jenseits des Mainstreams schreiben, sind schwer zu vermarkten.
Sie brauchen Stipendien für Recherchen, zeitlich und räumlich ungebundene Arbeitsstipendien, um Kindern gerecht zu werden. Die Einkommensgrenzen, um die Künstlersozialversicherung in Anspruch nehmen zu können, gehören auf den Prüfstand. Es fehlen günstige Darlehen, Feuerwehrtöpfe für Notfälle.
Vielen Schriftstellerinnen fehlen die notwendigen Kontakte im Literaturbetriebe. Die Selbstvermarktung, die Autorinnen betreiben müssen, um auf dem Literaturmarkt zu bestehen, ist neben der Berufstätigkeit zeitaufwändig.
Autorinnen, die ihre Produkte direkt an Verlage schicken, müssen mit einer Vielzahl an Absagen umgehen, was am Selbstwertgefühl nagt. Literaturagenturen können zielgerichtet viel Arbeit abnehmen.

Zu einer funktionierenden Literaturförderung gehören Leitfäden zur Selbstvermarktung, zu betriebswirtschaftlichem Wissen und professionelle Projektanalysen. Wichtig wäre eine Erhöhung der Fördermittel für Projektstipendien, bessere Information über Förderprogramme, eine höhere Transparenz bei der Vergabe, Entbürokratisierung. Sponsoren sollten Literaturpatenschaften übernehmen oder in einen Pool für Stipendien und Projekte einzahlen.
Eine finanzielle Unterstützung der Netzwerke für besondere Projekte und Tagungsorte, die nicht aus der ehrenamtlichen Arbeit heraus geleistet werden können, ist dringend erforderlich sowie die Förderung internationaler Netzwerke durch Reisestipendien für Veranstaltungen. Migrantinnen könnten profitieren.
Städte, Gemeinden und Kulturinstitutionen müssen ihren Auftrag zur Förderung der Literatur ernst nehmen.

Überall da, wo Geld, Management und öffentliche Resonanz nur eine geringe Rolle spielen und dem Kulturereignis keine internationale Bedeutung zukommt, ist der Anteil der Künstlerinnen relativ hoch. Je prestigereichen und kostspieliger ein Kunstprojekt ist, desto weniger sind Schriftstellerinnen beteiligt.

Wären Netzwerke mit externen Akteuren eine Öffnung zu aller Nutzen?
Die Entwicklung der Kreativquartiere mit ihren Arbeitsräumen gilt es zu beobachten, Konferenzformate entwickeln sich.
Hat die Idee des Crowdfunding mit None-Profit-Organisationen eine Zukunftschance? Tanja Dückers schreibt: «Die Autorin muss die Idee ihres neuen Werks, bevor sie dieses überhaupt verfassen konnte, schon vermarkten. Sie muss im Internet Bittstellen, egal, ob es ihrem Temperament entspricht oder nicht. Diese Doppelbeschäftigung, introvertierte Arbeit am neuen Roman, bei gleichzeitiger Vermarktung im Internet, kann der Ruhe und Konzentration, die die Arbeit an einem Roman erfordert, nur abträglich sein. Crowdfunding begünstigt ein neofeudales Massen-Mäzenatentum, denn die Autorin schreibt nur noch Mehrheitsmeinungen hinterher«.

Zahlen und Fakten sind in der kulturpolitischen Arbeit notwendig, um mit Steuergeldern effizient umzugehen.
Viele Einzelkünstlerinnen arbeiten in mehreren Projekten, um zu überleben. Repräsentative Zahlen gibt es kaum, vorhandene Statistiken sind zeitlich überholt und weisen keine frauenspezifische Unterscheidung auf. Weder im Bericht der Enquete Kommission, noch beim deutschen Kulturrat, der Gewerkschaft oder bei der Künstlersozialkasse sind zu benutzende Zahlen zur Situation der Schriftstellerinnen zu finden.

Im Vergleich zur Gesamtbevölkerung verdienen Künstlerinnen rund 30 Prozent weniger als ihre männlichen Kollegen. Das Einkommen der Künstlerinnen lag 2007 mit 9.483 € im Jahr noch unter dem der Künstler 12.452 € im Jahr.

Die selbstausbeuterische Form der Freiberuflichkeit wird von der Familie, vom Erbe, vom Ehepartner mit finanziert. Nach einem Bericht des Deutschen Kulturrats arbeiten bereits 50 % Selbständige, dies bestätigen die aktuellen Statistiken der Künstlersozialkasse.
Die Kleinstunternehmer, Selbständigen, Scheinselbständigen kompensieren fehlendes Kapital durch aufopferungsvollen Einsatz und gnadenlose Selbstausbeutung.

»All diese Zahlen machen mich ganz schön wütend. Und auch ein bisschen
ratlos. Denn was ist nun eigentlich das Problem? Werden Frauen aufgrund ihres Geschlechts benachteiligt? Traut man ihnen weniger zu als den männlichen Kollegen, nimmt man ihre Arbeit weniger ernst? Oder sind ihnen andere Dinge im Leben wichtiger?“ - fragt Tanja Dückers in ihrer Rede in LCB.

Ein berufliches Netzwerk bedeutet nicht automatisch Solidarität und politisches Handeln. Den blinden Fleck am Gender-Auge, nennt es die österreichische Wissenschaftlerin Annemarie Türk.
Nicht nur Mangel an Solidarität ist Ursache für die Bevorzugung von männlichen Kollegen, da ist auch ein enormer Druck im Literaturbetrieb und Verlagswesen. Frauen müssen, um ihre Qualität zu beweisen, solidarisches Handeln weitestgehend vergessen.

„Wenn heute Filme, Bücher, Platten von Frauen auf den Bestsellerlisten stehen, wenn heute mehr Schriftstellerinnen Virginia Woolfs Wunsch und Rat begriffen haben, dass es keinen Arm gibt, auf den wir uns stützen können, dass wir allein gehen, dass wir uns an die Freiheit gewöhnen müssen und an den Mut, genau das zu schreiben, was wir denken, dann ist dies das Ergebnis jahrelanger, nein jahrhundertelanger persönlichen Anstrengungen einzelner Frauen.« resümierte J.Monika Walther bereits 1997 in Rheinsberg.
Es waren oft mutige, radikale und egozentrische Schriftstellerinnen, die als Sprachartistinnen Furore machten. Die erste Performancekünstlerin und Sprachalchimistin war Else Lasker-Schüler, es folgte Friederike Mayröcker und heute wird die zurückhaltende, ruhige Nobelpreisträgerin Herta Müller gefeiert.
Was liegt dazwischen? Gibt es Arbeitsfelder für Autorinnen zwischen Kulturförderung und Kulturwirtschaft? Ist dort Platz für sie? Was unterscheidet Schriftstellerinnen von Bildenden Künstlerinnen oder Grafikerinnen? Haben sie keine Ware anzubieten?
»Wer die Schriftstellerei zum Beruf macht, ist darauf angewiesen, mit Texten Geld zu verdienen, als wichtigstes professionelles Standbein«. Wolfgang Schimmel, Rechtsanwalt und ehemaliger Justitiar für den Schriftstellerverband, fehlt es an Wertschätzung für die Arbeit von Autorinnen und Autoren:
»Möglicherweise gut gemeinte Vorschläge geistern herum, wie sich Kreative neue Einkommensquellen schaffen könnten. Autorinnen könnten Texte gratis im Internet anbieten und hoffen, dass jemand bezahlte Werbung daneben setzt oder die Leser um eine milde Gabe bitten. Sie erinnern an Bettelmusikanten vergangener Jahrhunderte und – bedenkt man die Provision für die Betreiber der Spendensammelsysteme – fatal an die Dreigroschenoper.
Nichts davon ist ausgereift, manches mutet zynisch an.«

Bei den 2. Internationalen Gesprächen der Autorinnenvereinigung im Juni 2012 stellte Schirmherrin Tanja Dückers klar: »Es muss Mittel für vertiefte Studien zur sozialen Lage von Schriftstellerinnen geben“.
„Was bleibt ist die Zukunft“
dieser Satz von Tanja Dückers steht in großen Lettern auf der ehemaligen Waschkaue der Zeche Lohberg:
Es muss ein Grundeinkommen geben. Schriftstellerinnen brauchen eine politische Lobby.
Götz W. Werner und Adrienne Göhler fordern seit vielen Jahren die Neudefinition von Arbeit und Arbeitsentgelt:
»Denn die Existenzangst ist die große Gegenspielerin der Kreativität, die wir mehr denn je brauchen. Man stelle sich vor, die Kreativität und die Würde des Menschen hätte endlich Konjunktur. Ich kann mir gegenwärtig keine lohnendere Aufgabe für die Kunst vorstellen, als sich für diese Vision als Avantgarde zu verstehen, denn die Rettung durch ein höheres Wesen dürfte bis auf weiteres ausfallen«.
Ruth Klüger schreibt:
„Wichtig erscheint mir, dass sich unser literarischer Schatz insgesamt erweitert, dass mehr Autorinnen darin aufgenommen und nicht mehr abgedrängt werden- was erfreulicherweise zunehmend passiert. In diesem Zusammenhang mag es bestimmt förderlich sein, wenn eine Frau den Literaturnobelpreis erhält. Daran erkennt man noch immer die Außenseiterposition von Autorinnen im Literaturbetrieb: Bekommt eine Frau eine wichtige Auszeichnung zuerkannt, wird das immer noch mit Rufzeichen versehen.«
Die Nobelpreisträgerin Elfriede Jelinek kommentiert: »Ich zähle dazu, aber ich komme nicht vor.«.
Die Autorinnenvereinigung konnte mit ihren Rheinsberger Gesprächen 1995 bis 2009 und den Internationalen Gesprächen 2010 und 2012 ein Forum schaffen, in dem neugierig, leidenschaftlich und offen miteinander gesprochen wurde. Es saßen die Kritikerin mit der Dramaturgin, die Schriftstellerin, Produzentin und Agentin mit der Buchhänlerin, die Drehbuchschreiberin und die Filmemacherin mit der Kulturverwalterin an einem runden Tisch zusammen,

Literaturliste

Bücherfrauen e.V. (Hrsg.): MehrWert- Frauen in der Buchbranche heute. Ulrike Helmer Verlag 2010
Deutscher Bundestag (Hrsg.): Kultur in Deutschland. Schlussbericht der Enquete-Kommission des Deutschen Bundestages. Con Brio Verlagsgesellschaft 2008
Fonds Darstellender Künste: Günter Jeschonnek (Hrsg.) Report Darstellende Künste. Klartext Verlag 2010
Liane Dirks: Der Sprung in die Professionalität. Sprung ins kalte Wasser. In:
Elisabeth Roters-Ullrich, Ursula Theißen (Hrsg.): Schriftstellerinnen im Gespräch,
Tende-Verlag. 1995
Liane Dirks: Der Beruf der Schriftstellerin im Medienzeitalter. In.: Studienziel Dichter. Ist literarisches Schreiben lehrbar? Fachtagung im Landtag NRW. Ministerium für Schule und Weiterbildung, Wissenschaft und Forschung des Landes NRW. 1998
Tanja Dückers: Künstlerunternehmer. In: Ludger Heidbrinck, Peter Seele: Unternehmertum: Vom Nutzen und Nachteil einer riskanten Lebensform. Campus Verlag 2010
Tanja Dückers: Wir sind so frei – Selbstausbeutung bei Freiberuflern in kreativen
Arbeitsfeldern . DuMont-Verlag 2008
Tanja Dückers:Prekäre Perspektiven. Zur sozialen Lage von Kreativen. In: bm:uk : Heft 22/23 Juni 2009
Tanja Dückers: Literarische Landschaften der Zukunft. Schriftstellerinnen sehen ihr Land« – Vortrag anlässlich der 2. Internationalen Gespräche der Autorinnenvereinigung im Literarischen Colloquium Berlin. Juni 2012
Ruth Klüger: Was Frauen schreiben. Zsolnay 2010
Elisabeth Roters-Ullrich: Im Elfenbeinturm mit Telefon, Fax und Internetanschluss: Autorinnen im Literaturbetrieb. In :Interaktionen. Ulrike Helmer Verlag 2000
Wolfgang Schimmel . In: Federwelt. Zeitschrift für Autorinnen und Autoren. Uschtrin- Verlag Heft 86. Februar/März 2011
J.Monika Walther: Die Zumutung zu Handeln. In Elisabeth Roters-Ullrich Hrsg. Eine Jede lege ihr Wissen in die Waagschale. Lesebuch zum 1.Literarischen Salon. Tende-Verlag 1997
Vortrag gehalten bei der Tagung „Fiktionen und Realitäten. Schriftstellerinnen im deutschsprachigen Literaturbetrieb“ vom 11. bis 13. Juli 2012 in Bremen
Es gibt nichts Gutes, außer frau tut es! - frei nach Erich Kästner
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Re: Dossier: Traumberuf Autorin und die Realität

Beitragvon Stef Jerz » Sa 19. Jan 2013, 17:48

396 Userinnen haben das Dossier von Elisabeth Roters-Ulrich nun schon angeklickt.
Wäre sehr auf Feedbacks, Fragen und weiter gehenden Austausch darüber interessiert.

Aber von mir an dieser Stelle ein herzliches Danke an Elisabeth für dermaßen viel Arbeit!

Und? Wie schaut es aus, mit euch Leserinnen? Wie fühlt ihr euch als Autorin angesprochen, gespiegelt, berührt von obigem Inhalt?
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